Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Wir stellen vor: Maria Neuberger-Schmidt

Frau Mag. Neuberger-Schmidt hat ein Buch herausgegeben, dessen Titel sozusagen Programm ist:

Gewaltfrei, aber nicht machtlos:

Erziehung mit Herz, Verstand und Führungskompetenz, Ennsthaler Verlag, März 2012

Dieses Buch ist erst vor kurzem im Ennsthaler Verlag erschienen. Wir haben bei der Erziehungsexpertin nachgefragt, was in ihrem Buch über gewaltfreie Erziehung zu lesen ist.

KINDERSCHUTZ AKTIV: In der Buchbeschreibung ist zu lesen, Sie geben Antwort auf eine weit verbreitete Unsicherheit vieler Eltern in Bezug auf ihre elterliche Rolle und Autorität, die zu Hilflosigkeit und Überforderung führt. Sind nicht Begriffe wie elterliche Gewalt und Autorität zu Recht in Verruf gekommen?

Neuberger-Schmidt: Wenn Autorität mit Gewalt und Machtmissbrauch einhergeht, dann ist es die negative Seite der Macht. Trotzdem muss man wissen: Man kann ohne Gewalt, nicht aber ohne Autorität erziehen. Autorität im guten Sinn bedeutet Verantwortung übernehmen, für das Kind sorgen, Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenken, auf Gefühle und Bedürfnisse des Kindes eingehen. Eltern sind Vorbild und müssen sich ihrer Führungsrolle bewusst sein. Kinder müssen zu ihnen aufschauen und folgen können. Nur wenn die Eltern-Kind-Beziehung von Liebe und Respekt geprägt ist, können sich beide Seiten gut fühlen. Dann kann sich eine schöne Eltern-Kind-Beziehung entwickeln, Konflikte werden fair gelöst und Erziehung wird stressfrei und mit Freude gelingen.

KINDERSCHUTZ AKTIV: Moderne Erziehung setzt doch lieber auf Partnerschaftlichkeit in der Erziehung. Sie reden von Gehorsam: Wir wollen aus unseren Kindern keine Befehlsempfänger machen, die sich fremden Weisungen blind unterwerfen. Die Folgen einer solchen Erziehung sind hinlänglich bekannt.

Neuberger-Schmidt: In unserem Konzept geht es um ein Konzept der Mitte, nicht um den blinden Gehorsam. Ich nenne es das „3-Körbe-Prinzip“, ein Bild, das für Freiheit, Mitsprache und Gehorsam steht. Alle drei Komponenten müssen in der Erziehung angemessen enthalten sein. Eltern haben die natürliche Intuition zu spüren: „Ist mein Kind überfordert?“ Dann hole ich es bei seinen Gefühlen ab (Freiheit). „Nimmt es mich jetzt ernst? Nein, nicht wirklich!“ Dann ist Handlungsbedarf im Bereich der Autorität. Das spüren Eltern und wir ermutigen sie, auf ihre natürliche Intuition zu vertrauen. Außerdem gibt der „ABC-Elternführerschein®“ kommunikatives Handwerkszeug mit auf den Weg, um Kindern emotionale Entlastung und Sicherheit zu geben (Freiheit), sie in ihrer Selbständigkeit zu unterstützen (Mitsprache), aber auch, um sich angemessen und gewaltfrei durchzusetzen (Gehorsam).

Eltern müssen wissen: Kinder sind gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt. Die Verantwortung gehört den Eltern! Daher müssen sie die Führungsrolle übernehmen, wie ein guter Vorgesetzter. Selbstverständlich müssen Kinder auch Einspruch erheben können, so wie jeder mündige Staatsbürger die Autorität des Gesetzes anerkennt, aber gegebenenfalls auch Einspruch erheben kann.

KINDERSCHUTZ AKTIV: Kann der ABC-Elternführerschein® Gewalttaten, Fälle wie Cain, Luca, etc. verhindern?

Neuberger-Schmidt: Die meisten Kindesmisshandlungen passieren aus Überforderung! Wenn Kinder Angst haben, Schmerzen haben, Probleme haben, reagieren sie emotional. Sie weinen, sie toben, sie schreien. Erwachsene würden das am liebsten per Knopfdruck abstellen: „Hör auf damit! Sei ruhig!“ Solche Befehle verstärken jedoch den Druck – worauf das Kind noch lauter schreit. Und schon befinden wir uns im Teufelskreis. Ebenso: Wenn Kinder nicht folgen, geben die meisten Erwachsenen entweder nach oder sie machen Druck, oder beides abwechselnd. Das Kind wird noch bockiger oder noch frecher. Resultat: Teufelskreis, Gewaltspirale. Der Erwachsene fühlt sich hilflos. Hilflosigkeit macht aggressiv – und im Extremfall passieren Tragödien.

Im ABC-Elternführerschein® lernen Eltern auf die Emotionen ihrer Kinder einzugehen und schon beruhigen sie sich wie von selbst und beginnen zu kooperieren! Mit dem ABC-Elternführerschein kann man sich vor Überforderung bewahren und damit vor unkontrollierter Aggressivität dem Kind gegenüber.

Viele kleinere oder größere Tragödien kann man durch die Teilnahme am ABC-Elternführerschein® verhindern – wenn auch sicher nicht alle.

Kostenfreie Beratungshotline:
Mittwoch 9:00 - 12:00 Uhr,
Donnerstag 13.00 - 16:00 Uhr
Tel.: 01/66 22 006

Zwei Beispiele aus: Erziehung ist (k)ein Kinderspiel:

Der Schlangenfraß

Viktor, 13, stellt gerne Ansprüche, ist aber wenig bereit, sich in Schule und Haushalt einzubringen. Am liebsten sitzt er vor dem Computer, was häufig Streit verursacht. Nach einem stressigen Arbeitstag bereitet die Mutter schnell eine Mahlzeit zu. Als sie ihren Sohn wegen einer Kleinigkeit ermahnt, nimmt er den Teller und knall dessen Inhalt auf den Boden: „So einen Schlangenfraß esse ich nicht!“ Die Mutter ist außer sich: „Das putzt du sofort auf, sonst kriegst du gar nichts zu essen!“ „Mir doch egal!“ Viktor knallt die Tür und dampft ab in sein Zimmer. Vom Wegputzen ist keine Rede. Sie weiß: Demnächst bedient er sich aus dem Kühlschrank. Er weiß: irgendwann gibt sie auf. Den Boden putzt sie.

Ein Teufelskreis: Weil Viktor nicht kooperiert, macht die Mutter Druck. Weil sie Druck macht, kooperiert er nicht. Viktor agiert, die Mutter reagiert. Er ist widerspenstig und abhängig zugleich. Kein Wunder wenn er negative Gefühle entwickelt.

Nicht auf Provokationen einsteigen

Provokation ist eine beliebt Strategie, gerade bei Pubertierenden. Wer darauf mit Befehlen und Erpressungen reagiert, dreht an der Gewaltspirale. Die Mutter „spielt“ auf stark und steht in Wirklichkeit auf verlorenem Posten. Den Befehl der Mutter auszuführen, bedeutet für Viktor Gesichtsverlust. Daher wäre es besser, gar nichts zu sagen, in Ruhe weiter zu essen, aber auch kein Essensangebot zu machen. Viktor darf sein Hungerproblem selbst lösen. Wenn die Emotionen sich gelegt haben, kann sie gelassen die Lösungsfrage stellen: „Wer putzt den Boden?“ Sollte wieder ein freches „Du“ von Viktor kommen, dann nachfragen: „Überlege dir, was du stattdessen für mich tun kannst!“ Viktor wird verstehen, dass er Verantwortung übernehmen, aber nicht gedemütigt werden soll.

Rechte und Pflichten definieren

Wenn der Sohn wieder „herunten“ und ansprechbar ist, ist ihm die Ungehörigkeit seines Verhaltens deutlich zu machen. Für die Mutter gilt es zu überlegen, wer wofür zuständig ist und wie sie aus eingefahrenen Mustern aussteigen können, am besten mit professioneller Hilfe. Was kann er gut? Was macht ihm Spaß? Wie können die beiden ein gutes Team bilden? Beide sollten auf einer partnerschaftlichen Ebene ihre Rechte und Pflichten definieren. Die Mutter kann Viktor durchaus helfen, aber nicht die Verantwortung abnehmen. Das Mindeste ist, dass er um Hilfe bittet, wenn er sie braucht, anstatt zwangsbeglückt zu werden. Wenn sie respektvoll, authentisch, berechenbar und konsequent ist, wird auch ihr Sohn lernen zu respektieren, zu kooperieren und Verantwortung für sein Leben und seine Taten zu übernehmen.

Wenn Helmut droht

Wenn Helmut, 4 Jahre, nicht bekommt was er will, fängt er an zu drohen und manchmal schreitet er sogar zur Tat: „Dann mache ich dir den Teller kaputt!“ oder „Dann haue ich dir den Kachelofen zusammen“. Die Mutter will den Konflikt nicht verschärfen. Sie ignoriert seine Aussage und lenkt ab. Ein anderes Mal erklärt sie ihm die Notwendigkeit der Dinge und dass Kaputtmachen nicht die richtige Lösung sei.

Mit seinen Drohungen lässt Helmut auf kindliche Art, psychologisch gesehen, seine „Muskeln spielen“. Wenn Eltern um des „Friedens willen“ nachgeben und sich unterwerfen, kann ein Kind echte Verhaltensstörungen entwickeln. Das geduldige und standhafte Verhalten der Mutter kann den Konflikt zwar entschärfen, aber Ignorieren und Erklärungen geben reichen nicht aus. Die Mutter darf sich nicht scheuen, die Sache auf den Punkt zu bringen und das Problem dort anzusprechen, wo der Knackpunkt liegt: auf der Ebene des Respekts. Helmut muss wissen: Drohungen sind nicht OK. Kinder dürfen ihren Eltern nicht drohen! (Umgekehrt aber bitte auch nicht).

Oft scheuen sich Eltern, Dinge direkt anzusprechen, weil sie meinen, das Kind verstehe es noch nicht. Durch seine Inszenierung beweist Helmut aber, dass er sehr wohl versteht – wenn auch intuitiv und unbewusst.

Daher änderte die Mutter ihre Taktik und fragte bei nächster Gelegenheit ernst: „Du drohst mir?!“ Helmut war sprachlos und gab kleinlaut bei: „Nein“. Ein anderes Mal sagte die Mutter entschlossen: „Du drohst mir nicht! Komm, wir gehen Zähneputzen!“ Es gab keine Widerrede. Helmut hat kapiert und sich das Drohen abgewöhnt – denn seine Mutter hat ihn klar und liebevoll in seine Schranken gewiesen.

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