Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Kinder, Schule, Lehrkräfte:

Eine unendliche Geschichte

Wieder geht ein Schuljahr zu Ende und wieder werden in Familien mit schulpflichtigen Kindern Konflikte aufbrechen, weil die Benotungen, also die formalisierten Leistungsnachweise, Anlass für Schuldzuweisungen geben. Doch mehr noch als die oft nicht nachvollziehbaren Noten bzw. Leistungsbeurteilungen belastet das ganze System „Schule“ LehrerInnen wie SchülerInnen – und doch gibt es einen großen Unterschied. Die Lehrkräfte verfügen über mächtige Unterstützer – Kinder hingegen sind viel zu oft alleine gelassen, wenn es darum geht, ihre Positionen zu vertreten oder auch nur darum, sich Gehör zu verschaffen.

Die Standesvertretungen der LehrerInnen haben auch in der jüngeren Vergangenheit wiederholt bewiesen, was Macht ist. Bei diesen Machtdemonstrationen ging es nicht darum, etwas durchzusetzen, was Not tut, beispielsweise um eine als unzureichend erkannte Bildungssituation zu verbessern, sondern einfach um die Zementierung von Positionen. Ein solches Ungleichgewicht erzeugt Betroffenheit, Ohnmachtsgefühle und konsequenterweise auch Zorn, bei all denjenigen, die Kinder in schulischen Dilemma Situationen nicht allein lassen wollen und bereit sind ihre Stimme zu erheben. Eine solche Stimme gehört Tanja Wörndl:

Seit mehr als dreißig Jahren betreue ich SchülerInnen aus allen gesellschaftlichen Schichten und aus allen schulischen Bereichen, von Regelschulen bis Waldorf und versuche - in Zusammenarbeit mit den Eltern und Lehrkräften - den Kindern bei Schulschwierigkeiten verschiedenster Art zur Seite zu stehen.
Das Resümee aus all diesen Begegnungen ist ein trauriges Bild unserer Schulen und beweist, dass Kindern als SchülerInnen in unserem Schulsystem eine mehr als untergeordnete Rolle zugewiesen wird.
In der Hauptsache bin ich damit beschäftigt, Kinder, die intelligent, sehr wissensdurstig, sehr offen für Neues und sehr, sehr lernbegierig sind, die sehr liebevoll und verständnisvoll mit ihren Lehrkräften leben wollen, dazu zu bringen – nicht auszusteigen! Diese, hm, wie soll ich das jetzt nennen, vielleicht Aufgabe ?, ist Grundlage meiner Tätigkeit. Die Konfrontation mit Schule und dem, was dortselbst Unterricht genannt wird, beginnt für die Kinder mit dem Eintritt in die Volksschule und begleitet die meisten von ihnen ihr gesamtes schulisches Dasein.

Sie haben Lehrkräfte, die sich keinen Deut um Lehrpläne, um SCHUG, SCHOG oder sonstige Verordnungen scheren. LehrerInnen kümmern sich in zu vielen Fällen auch nicht um individuelle Situationen innerhalb ihrer Schülerschaft und es ist ihnen deshalb mehr oder weniger egal, ob ihre SchülerInnen dem Unterricht folgen können oder nicht. Sie sind nicht einmal Pädagogen, auch wenn sie diese Etikette für sich in Anspruch nehmen.

Meine Klage beinhaltet aber auch die traurige Tatsache, dass es Lehrkräften innerhalb dieses Schulsystems nicht bedingungslos ermöglicht wird, ihrem Beruf Pädagoge/Pädagogin nachzukommen und ihre Kräfte uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Schule als Ort ideologischer Machenschaften zeitigt kein anderes Resultat und öffnet vielschichtigen Begehrlichkeiten Tür und Tor!

Ich stelle mir oft die Frage, warum es in keiner Weise ihr Gewissen beeinträchtigt, wenn die Hälfte ihrer Schüler bei Schularbeiten und ähnlichen Selektionsverfahren mit der Beurteilung „Nicht Genügend“ abschneiden. Kommen die Pädagogen denn niemals auf die Idee, dass sie selbst und ihr Unterricht dafür verantwortlich sein könnten? Sie ziehen aus Bequemlichkeit die falschen Schlüsse - und deshalb gehen Kinder mit Magenschmerzen in die Schule, oder sitzen als „Aussteiger“ zuhauf in den Klassen – bis zum erlösenden Ende der Schulpflicht oder Abschluss ihrer schulischen Laufbahn.

Zur „kindgerechten Schule“ gibt es sehr viel und ausgezeichnetes wissenschaftliches Material, Ziel führende Erkenntnisse aus Schulversuchen, mannigfach Langzeitstudien – und nicht die geringste Resonanz im System! Ich muss nur täglich die Zeitung lesen und ich bin darüber informiert, dass nichts in unserem Schulwesen stimmt. Nichts. Nicht einmal die Resultate der schulischen Bemühungen, denn die Kinder können zum Ende ihrer Laufbahn nicht „….sinnerfassend lesen, nicht rechnen und auch nicht rechtschreiben….“
Bildungsproletariat – lese ich dann …

Gleichmacherei ist vielfach Grundlage des angebotenen Unterrichts – und Ziffernbewertung ist ihr Aushängeschild! Der 50 - Minuten Takt, innerhalb welchem sich SchülerInnen traditioneller Weise mit Wissensgebieten beschäftigen dürfen - und das auch noch in sechs oder sieben verschiedenen Fächern pro Schultag - ist zwar immer noch en vogue, aber schon längst nicht mehr tragfähig, wenn es wirklich um Bildung ginge. Wissensgebiete werden, ohne Rücksicht auf individuelle Begabungen, den SchülerInnen gleichsam vor die Füße geschmissen – friss oder stirb (um es leger zu formulieren).

Die Folge? Ich sehe Kinder mitsamt ihren Fähigkeiten zugrunde gehen und Eltern, die nicht wissen, wie sie dem begegnen sollen! Traurig stapfen Erstklässler schon kurz nach Schulbeginn in die Volksschule – überlastet und müde vom Kämpfen ums Überleben…. für den Rest ihres schulischen Daseins an der Freude am Lernen beraubt.

Und: ich wundere mich immer noch, trotz meiner Erfahrungen und trotz meiner jahrelangen Begleitung von SchülerInnen, dass LehrerInnen ob dieser Unzahl von Missständen nicht wenigstens einmal am Tag traurig sind …

Ich kenne allerdings auch manche, die diese Traurigkeit empfinden. Diese Lehrkräfte stehen dann sehr häufig in direkter Konfrontation mit ihren Kollegen und Kolleginnen, die sich dem System gut angepasst haben.

Auch dieses Jahr habe ich Berichte aus Schulen erhalten – da läuft es mir kalt über den Rücken. Ich denke, da reicht es nicht zu sagen: LehrerInnen sind eben ein Teil unserer Gesellschaft und letztlich auch „nur Menschen …“
Festzustellen ist: Sie sind Teil und Träger eines Systems, welchem sie sehr wohl für sich selbst Vorteile abzugewinnen bereit sind! Egal aus welcher ideologischen Ecke!

Und das ist der Grund für die Nachhaltigkeit der Misere. Die Rechnung bezahlen die Kinder. Mit allem, was ihr Leben ausmacht.

(Brief an den Verein vom 5.6.2012)
Tanja Wörndl ist Mitglied unseres Vereines und Mutter zweier Töchter. Ihr Interesse gilt der Verbesserung der Lebenssituation von Kindern.

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