Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Gewalt ist nie ok

Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser informiert unter www.gewalt-ist-nie-ok.at Kinder und Jugendliche über häuslicher Gewalt.

Marlene ist die beste Freundin von Julia. Sie gehen in dieselbe Klasse und verbringen auch nach der Schule viel Zeit mitsammen. Doch seit einigen Monaten hat sich etwas verändert. Marlene klagt häufig über Kopfschmerzen, ist im Unterricht unkonzentriert und müde. An vielen Tagen will sie nach der Schule sofort nach Hause. Wenn Julia sie fragt, warum sie nichts mehr gemeinsam unternehmen würden und was mit ihr los sei, weicht Marlene ihren Fragen aus und murmelt nur vor sich hin, dass sie eben nach Hause müsse. Julia macht sich Sorgen um ihre Freundin.

An einem Nachmittag fragt Julia Marlene, ob sie mit ihr nach der Schule noch ein Eis essen gehen wolle, ohne sich große Hoffnungen zu machen, dass Marlene will. Doch an diesem Tag willigt Marlene ein.

Am Hinweg zum Eissalon lachen die beiden über die Versprecher der Lehrerin, und sie amüsieren sich wie früher. Als sie angekommen sind und die ersten Löffel des Eisbechers genießen, fragt Julia Marlene, was sie am Wochenende gemacht habe. Plötzlich bricht Marlene in Tränen aus. Als sie sich wieder etwas beruhigen konnte, erzählt sie Julia, dass sie in den letzten Monaten immer wieder zusehen musste, wie ihr Vater ihre Mutter im Streit schlägt und schubst. Letztes Wochenende kam es wieder zu einem Streit. Als ihr Vater ihre Mutter anzuschreien begann, flüchtete Marlene mit ihrem jüngeren Bruder Jan in Marlenes Zimmer, um zu verhindern, dass Jan alles mit ansehen muss. Marlene beschreibt Julia, wie sie nach einiger Zeit einen Aufprall hörte – danach sei es still gewesen. Sie schaltete Jan den Fernseher ein und schlich sich ins Wohnzimmer, wo sie ihre Mutter mit einer großen Wunde am Kopf fand, die sie von einem Sturz gegen den Tisch hatte. Ihr Vater hatte die Wohnung bereits verlassen. Marlene kümmerte sich um ihre Mutter und wollte, dass sie zum Arzt geht. Doch ihre Mutter weigerte sich. Sie sagte, dass sie nicht wolle, dass jemand fragt, was passiert ist. Wie schon viele Male zuvor ringt sie Marlene das Versprechen ab, niemandem zu sagen, was passiert ist. Denn dann würde alles nur noch schlimmer werden. Marlene schluchzt, dass sie nicht wisse, was sie tun solle und sich große Sorgen um ihre Mutter und ihren Bruder Jan mache.

Julia nimmt ihre Freundin in den Arm und tröstet sie. Sie denkt nach, wie sie Marlene helfen kann. Da erinnert sie sich an eine Homepage, die ihr ihr Vater vor kurzem gezeigt hat: www.gewalt-ist-nieok.at. Er erzählte ihr, dass die Homepage speziell für Kinder und Jugendliche gemacht wurde und dass man hier Informationen über Gewalt in der Familie findet.

Nachdem sich Marlene wieder etwas beruhigt hat, erzählt ihr Julia von der Homepage. Am nächsten Tag schauen sich die beiden zusammen in der Schule die Homepage www.gewalt-ist-nie-ok.at an, und sie lesen, dass Marlene mit ihren Erlebnissen nicht alleine ist. Im Bereich „Wer kann mir helfenhelfen?“ finden sie Telefonnummern und Homepages von Einrichtungen, wo Julia mit ExpertInnen über ihre Sorgen reden kann.

Seit November 2011 ist die Website www.gewaltist- nie-ok.at online. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) stellt darauf Informationen über Hilfe und Unterstützung bei häuslicher Gewalt speziell für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren zur Verfügung. „Kinder sind immer betroffen, wenn Gewalt in der Familie vorkommt – sei es durch direkte Gewaltausübung oder durch miterlebte Gewalt. Umso wichtiger ist es daher, dass Kindern und Jugendlichen ein möglichst einfacher Zugang zu altersgerechten Informationen ermöglicht wird“, betont Mag.a Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser. Kinder und Jugendliche finden daher unter www.gewalt-ist-nie-ok.at sowohl Hintergrundinformationen zu häuslicher Gewalt als auch Kontaktinformationen zu Institutionen des Hilfesystems.

Das neue Webangebot richtet sich sowohl an betroffene Kinder und Jugendliche, in deren Familien häusliche Gewalt vorkommt, als auch an Kinder und Jugendliche, in deren Freundeskreis häusliche Gewalt ein Thema ist. Mit Hilfe von Zeichentrick-Videos und Audio-Podcasts finden sie Antworten auf die Fragen: „Was ist zu Hause los?“, „Was kann ich tun?“, „Wie kann ich helfen?“ und „Wie geht es mir?“.

In erläuternden Texten und Interviews mit ExpertInnen informiert die Website über die Erscheinungsformen und die Folgen von häuslicher Gewalt, informiert über Hilfsangebote und gibt Ratschläge zur konkreten Notfallplanung. Jene, die nicht direkt betroffen sind, aber Dritten helfen möchten, haben auf der Website schnellen Zugang zu Tipps, wie Hilfe am aussichtsreichsten ist.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Umgang mit Gefühlen, insbesondere auf den Themen „Was tun mit Wut?“ und „Richtig streiten“. Diese Fragen können von den Kindern und Jugendlichen spielerisch in Form eines interaktiven Quiz beantwortet werden und sind ein Beitrag zur Anti-Gewaltarbeit.

Über den Button „Informationen für Eltern + Lehrer/ -innen“ gelangen Erwachsene zu einem eigenen Bereich der Website www.gewalt-ist-nie-ok. at, in dem begleitende Basis-Informationen und didaktisches Material zum Thema häusliche Gewalt für Eltern und PädagogInnen abrufbar sind. Auch betroffene Frauen können sich hier über ihre Rechte und Schutzmöglichkeiten informieren.

Die Website wurde 2008 ursprünglich für die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG e.V.) konzipiert und realisiert. Sie durfte mit freundlicher Genehmigung von BIG e.V. vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser für Österreich adaptiert werden.

September 2012;
Mag.a Silvia Samhaber

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