Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Gedanken über alltägliche Gewaltszenarien gespiegelt in zwei Geschichten

Vertuschen leicht gemacht! Wenn mein Kinderarzt Fragen stellt, dann wechsle ich einfach!

Ich habe meinen Kinderarzt gewechselt, denn ich war mit den Wartezeiten, mit der mangelnden Information über Medikamente, etc. unzufrieden. Bei verschiedenen Kinderärzten habe ich auf die Frage, ob ich die Kartei meines bisherigen Kinderarztes mitbringen solle, die gleiche Antwort bekommen: „Nein danke, wir machen uns selbst ein Bild!“

Was wäre aber, wenn ich andere Beweggründe gehabt hätte, meinen Arzt zu wechseln, als die oben angeführten,

was, wenn mein Kind sich schon wieder Verletzungen im Gesicht zugezogen hätte, blaue Flecken aufwiese oder sich zum wiederholten Male verbrannt hätte,

was, wenn es nicht nur am Tag des Ordinationsbesuchs auffällig traurig, verhalten und eingeschüchtert wäre, sondern immer?

Die Gesundheitsversorgung in Österreich ist gegenüber vielen anderen Staaten vorbildlich. Doch für einen Kinderarzt, der täglich weit über 100 Patienten untersucht, der niemand abweisen darf, auch wenn das Wartezimmer bereits aus allen Nähten platzt, dem es an Zeit fehlt, sich wirklich eingehend mit jedem Kind zu befassen, ist es sicher nicht leicht, den Überblick zu behalten. Noch schwieriger wird es, wenn ständig neue Patienten kommen. Da wundert den Arzt eine Verletzung bei einem 8-jährigen wahrscheinlich nicht sonderlich, das passiert, das ist ganz normal. Wenn es aber vielleicht eine von vielen ist, wäre das schon auffälliger. Nur der neue Kinderarzt weiß das nicht, da die letzten Verletzungen von anderen Ärzten behandelt wurden und die hatten keine Chance unangenehme Fragen zu stellen, weil sie das Kind nicht mehr zu Gesicht bekamen - der Arztwechsel macht es möglich.

Sollte es da nicht eine ärzteübergreifende Kartei geben, die ganz einfach abrufbar ist? Sollte der „neue“ Kinderarzt nicht Akteneinsicht nehmen können und müssen? Was wäre es für ein Aufwand, wenn er eine elektronische Datei beim „alten“ Kinderarzt über die Krankengeschichte anfordert bzw. anfordern muss, sobald ein neuer Patient kommt. In unserer heutigen „vernetzten“ Welt, wäre das ein Kinderspiel!

Die Frage der Schweigepflicht stellt sich für mich nicht. Es sollte in meinem Interesse sein, dass mein Kinderarzt meine Kinder gut kennt, auch wenn er sie nicht von Anfang an medizinisch betreut hat. Hier würde es sich meiner Ansicht nach um keine dieser „geheimen Kundendaten“ handeln, die nicht an die Konkurrenz weiter gegeben werden dürfen. Sollte es nicht als Vorteil angesehen werden, wenn ich meinen Kinderarzt nicht bei jedem Besuch instruieren und die Krankheitsgeschichte zum wiederholten Male vortragen muss? Auch für den Arzt sehe ich es als großen Vorteil, wenn er detailliert einsehen kann, welche Krankheiten oder Verletzungen vorangingen. Wenn er nicht nochmal bei Null anfangen müsste?

Des weiteren stellt sich für mich die Frage, warum Kinderarztbesuche nicht generell verpflichtend sind?! Natürlich gibt es die Regelung, dass Kinder bis zum 18. Lebensmonat verpflichtend zum Kinderarzt müssen, da ansonsten das Kindergeld gekürzt wird. Aber das heißt, dass finanziell unabhängige Eltern nicht verpflichtet sind, die Vorsorgeuntersuchungen durchzuführen. Ab dem 18. Lebensmonat ist es dann den Eltern überlassen, mit ihren Kindern zu Vorsorge- bzw. Entwicklungsuntersuchungen zu gehen. Sollte nicht nachgefragt werden, wenn Eltern Ihre Kinder nicht regelmäßig untersuchen lassen? Vernachlässigung, Unterernährung und überdurchschnittliche Entwicklungsrückstände könnten so schneller erkannt werden. Natürlich wäre dies ein erheblich finanzieller und administrativer Aufwand für die Krankenkassen, aber sind uns unsere Kinder das nicht wert?

Ein gut gespanntes Netz aus verpflichtenden Untersuchungen und der übergreifenden Datei wäre ein Weg, zumindest teilweise präventiv zu arbeiten. Kinder sollten nicht erst auffallen, wenn sie jahrelanger Gewalt ausgesetzt waren, sondern bei den ersten Anzeichen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass eine aufmerksame Kindergartenpädagogin, ein Volksschullehrer oder ein Nachbar Alarm schlägt.

Eine der großen Problematiken bei Kindesmisshandlung, -missbrauch oder -vernachlässigung ist das Wegschauen, das „was geht es mich an“, das „ich will mich nicht einmischen und niemand Probleme machen“. oder auch „das sind doch so liebe Leute, das kann ich mir nicht vorstellen“.

Dinge, die hinter verschlossenen Türen vorgehen, sind schwer zu verhindern, aber man könnte zumindest den Tätern ihre Sache erheblich erschweren, wenn Krankengeschichten nicht im Aktenschrank verstauben, sondern immer und immer wieder eingesehen werden, sobald jemand den Kinderarzt wechselt.

Wir räumen Erwachsenen geradezu leichtsinnig Möglichkeiten ein, Misshandlungen zu vertuschen und nehmen somit zu vielen Kindern die Chance rechtzeitig einer erkennbaren Gewaltspirale zu entkommen.

Kinder im Raucherraum?!

Das neue Nichtraucher-Schutzgesetz sieht vor, dass jeder Restaurantbetreiber, Cafebesitzer etc. sich zwischen einem Nichtraucher - oder einem Raucherlokal zu entscheiden hat, bzw. es muss ein Teil des Lokals abgetrennt und rauchfrei sein.

Ich als Nichtraucherin begrüße dies natürlich sehr. Heute kann man beim Essen gehen oder bei Besuch eines Cafes eine rauchfreie Atmosphäre genießen. Abgesehen vom Wegfall des unangenehmen Geruchs, der sich auch auf Kleidung und Haare niederschlägt, trägt Rauchfreiheit einen erheblichen positiven gesundheitlichen Aspekt mit sich.

Jedoch ist das Nichtraucher-Schutzgesetz scheinbar nur für diejenigen geschaffen, die auch selbst entscheiden können, ob sie den Raucherraum betreten wollen oder nicht. Kinder ohne eigene Entscheidungsmacht bleiben ungeschützt. So musste ich beobachten, wie Erwachsene einen Raucherraum im Beisein von Kindern! nutzten.

So unfassbar es auch klingen mag, aber als ich vor nicht allzu langer Zeit ein Cafe besuchte, sah ich im Raucherraum Kinder, die offenbar zu jungen Eltern gehörten: Mutter, Vater, Kleinkind und Baby im Kinderwagen. Die Eltern konsumierten neben anderen Gästen tatsächlich gemütlich ihren Kaffee und gaben sich ihrem Rauchvergnügen hin, während der Bub am Boden spielte und das Baby im Kinderwagen lag.

Vor dem Hintergrund dieser Wahrnehmung stellen sich für mich zwei Fragen:

1. Warum ist im Gesetz nicht verankert, dass ein Raucherraum bzw. ein Raucherlokal erst im Alter von 16 Jahren betreten werden darf?

und selbst wenn das der Fall wäre, wäre ich

2. nicht überzeugt, dass Kinder immer außerhalb der Raucherzone anzutreffen wären, wenn es keine diesbezügliche Kontrolle gäbe?

Selbstverständlich liegt die Verantwortung bei den Eltern, ihre Kinder in einer rauchfreien Umgebung aufwachsen zu lassen. Niemand kann verhindern, wenn Eltern zuhause rauchen, aber im öffentlichen bzw. semi-öffentlichen Raum, wäre meiner Ansicht nach eine klare soziale Verantwortung seitens der Lokalbesitzer gefragt.

Wäre es mein Lokal, würde ich es niemals zulassen, dass ein Kind auch nur eine Minute im Raucherraum verbringen würde. Es wäre schade, wenn die Angst einen Gast zu verlieren über den Schutz unserer Kinder gestellt würde. Meiner Ansicht nach wäre es zielführend, wenn diese Problematik immer wieder – auch im privaten Kreis – diskutiert würde, denn, wie auch der lange Kampf um den Nichtraucherschutz gezeigt hat: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Irene Scheiblehner

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