Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Es ist Donnerstag, der 24. Januar, 2013

ein Jahr nach Philips Tod.

Hanneke van der Louw

Es ist schon wieder ein Jahr her, dass der Philip aus unserer Nachbargruppe gestorben ist. Carmen erzählt im Kreis, sie hätte gestern mit ihrer Mutter eine Laterne für den Philip gebastelt. Danach hätten sie in der Laterne eine Kerze angezündet mit den Worten: Wir hoffen, dass es Dir gut geht bei Gott.

Alle Kinder sind beeindruckt von diesen Worten.

Es ist ganz still in der Gruppe. Dann hat der Axel, der Carmen aufmerksam zugehört hat, eine Idee: Wie wäre es, wenn wir einen Ballon losließen, der zum Himmel flöge, dorthin, wo der Philip ja jetzt ist, und wie wäre es, wenn wir an den Ballon Zettel und Fotos anhängten? Hoffnungsvoll blickt er auf mich. Und nicht nur er...

Tiemo, der der beste Freund von Philip war und wie er immer sagt, noch immer ist, sitzt ganz blass und still auf seinem Sessel. „Na ja“, so fange ich an, „wir können es ja versuchen, und weil der Philip Tiemos bester Freund ist, darum gehört auf alle Fälle ein Bild vom Tiemo angehängt“. „Ja“, nickt der Tiemo, „gewiss...“.

Auf einmal melden sich noch mehr Freunde und Freundinnen von Philip: die Eiske und der Bär und der Axel und die Nienke und die Nikki...sie alle haben früher mit dem Philip gespielt.

Sie alle wollen auch fotografiert werden. Damit wir dann später an dem Ballon die Bilder anhängen können, natürlich. Und die Zettel kommen dann auch noch dazu. „Und Pflaster“, meint der Axel, „ich bringe morgen welche mit von zu Hause“. Natürlich, Pflaster auch… Die anfängliche Stille kehrt sich um in Begeisterung. „Es muss schon ein spezieller Ballon sein“, sage ich. „So einer, der emporsteigt, wenn man ihn loslässt. Dazu soll er mit einem Gas, das Helium heißt, gefüllt werden. Denn wenn man einen Ballon normal aufbläst, fällt er zu Boden“. Zustimmend nicken alle, und er soll zu Philip hinauffliegen, das ist eine klare Sache.

Die Gruppe denkt mit, versucht Lösungen zu finden, so wie der Lukas. Er fragt: „Und wenn ich ganz, ganz warme Luft hineinblase? Es hätte sein können, lieber Lukas, aber das reicht nicht, dass der Ballon emporsteigt. Leider, leider.

Daraufhin werden die “Männer” in der Gruppe erst richtig aktiv: „Was, wenn wir ein Feuer unter dem Ballon machen“? Der Lukas kann genau erzählen, wie das vor sich geht. Dann steigt er sehr wohl empor, der Ballon. Lukas hat das selbst einmal im Fernsehen gesehen. Auch der Axel, der Tycho, der Bär und der Jacob haben die Aufheizprozedur schon deutlich vor Augen. Jetzt handelt es sich plötzlich um etwas Greifbares, etwas klar Vorstellbares. Die Kinder sind voll engagiert bereit, sich diesem Projekt zu widmen. Sie wollen tausend Sachen von zu Hause mitnehmen, um den Erfolg sicher zu stellen. Aber leider, trotz aller ihrer Vorschläge möchte ich auf Nummer Sicher gehen und bleibe ich doch bei einem Heliumballon.

Gemeinsam mit dem Tiemo schaue ich mir Heliumballone in unterschiedlichen Sorten und Größen im Internet an. Andere Kinder schauen interessiert mit. Als ein weißer Sternenballon auf dem Bildschirm erscheint, fragt ein Kind: „Was hältst Du von dem“? Aber der Tiemo meint: „Das ist eher etwas für Weihnachten“. Wir finden keinen geeigneten Ballon und im Nachhinein bin ich persönlich erleichtert, denn wir sollten 50 Stück abnehmen, nur dann wäre die Zusendung gratis. Auf das hatte ich in meiner Begeisterung nicht geachtet.

Ich schicke den Eltern ein Mail und bitte um Hilfe. Eine Mutter kennt ein Geschäft in der Nähe, in dem man Heliumballone bestellen kann. Ich berichte das am nächsten Tag dem Tiemo und frage ihn, wie alt der Philip geworden ist. (Er war gerade vier Jahre alt, als er starb). Daraufhin antwortet der Tiemo ernsthaft: „Er ist jetzt fünf Jahre alt“. Bitte, dann werde ich fünf Ballone bestellen. Die Frage, welche Farbe die Ballone haben sollten, stand noch zur Diskussion. Sie wurde von Tiemo entschieden: „Gelb, denn das war unsere Lieblingsfarbe“.

Und so geschah es. Am nächsten Tag waren die Ballone da, die Fotos wurden angehängt, die Freunde und Freundinnen durften die Ballone tragen, wir hatten noch ein Abschiedslied speziell für den Philip gelernt und…das Wetter war grau und es schüttete! Aber als es an der Zeit war, die Ballone loszulassen und wir zu einem Platz im Freien liefen, wo die Ballone frei emporsteigen konnten, gab es einen hellblauen Himmel und strahlenden Sonnenschein.

An Ort und Stelle sangen wir das Abschiedslied, dann durfte der Tiemo bis 5 zählen und dann wurden die Ballone losgelassen. Wir winkten und riefen: Grüss Dich, Philip!!!!! Wir riefen bis die fünf Ballone nur noch winzige Pünktchen am Himmel waren…. erst als keine Pünktchen mehr zu sehen waren, drehten wir uns um und gingen wieder Richtung Schule.

Da stand plötzlich der Lukas vor mir mit der Frage: „Dürfen wir rennen“? Richtiges Rennen mit einer ganzen Gruppe ist nicht üblich, da gefährlich. Aber ich sah, dass die Emotionen der Kinder ein Ventil brauchten und sagte: „Ja, lauft nur“. Und sie rannten und rannten, bis sie die Schule erreicht hatten und stellen Sie sich vor: Niemand, nicht ein Kind ist hingefallen.

Hanneke van der Louw ist Lehrerin der Gruppe 1 und 2 in der Prinses Beatrix School in Heemstede/Holland

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