Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Die Bewertung „kinderfreundlich“ obliegt Kindern und nicht Erwachsenen

Christian Vielhaber

11.000 Europäer wurden in zehn Ländern für eine Studie befragt, die auf die Erhebung der Kinderfreundlichkeit in den Gesellschaften aber auch in einzelnen Gemeinden abzielte (BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, Hamburg, Projektleitung: Ulrich Reinhardt). Die Ergebnisse wurden im Jänner 2013 veröffentlicht und waren für Österreich wenig schmeichelhaft. Nicht einmal ein Drittel der Befragten stufte Österreich als kinderfreundliches Land ein, wobei die Bundeshauptstadt von den Probanden ein noch schlechteres Zeugnis ausgestellt erhielt; nur jede/r Fünfte konstatierte ihre/seine persönliche Zufriedenheit mit der von ihr/ihm wahrgenommenen Kinderfreundlichkeit in Wien. In den westlichen Bundesländern war die Einstufung etwas besser, was aber letztlich nichts daran ändert, dass Österreich nur im hinteren Bereich der untersuchten Länder rangiert.

Für uns, vom Verein für Gewaltlose Erziehung, kommt dieses Ergebnis nicht wirklich überraschend. Die Indizien für mangelnde Kinderfreundlichkeit sind mit entsprechend wachem Bewusstsein für jeden von uns im Rahmen seiner alltäglichen Lebenswelt erfahrbar. Doch halt – sind sie das wirklich? Die Feststellung mangelnder Kinderfreundlichkeit ist doch eine höchst subjektive Angelegenheit, das heißt, sie unterliegt einer jeweils individuellen Einschätzung. Ich möchte nun das für Österreich so unerfreuliche Ergebnis in keiner Weise schön reden, aber auf einen wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit der hier angesprochenen Studie möchte ich schon hinweisen: Es wurden primär Erwachsene befragt und keine Kinder. Das bedeutet konkret, dass die Studie die Meinung von Menschen widerspiegelt, die sich zum Teil schon ziemlich weit von jener Phase entfernt haben, die als Kindheit bezeichnet wird.

Ich denke, an dieser Stelle wäre es durchaus legitim, auch die folgende Frage zu stellen: Warum wurden eigentlich Kinder nicht in die Befragung einbezogen? Wurde davon ausgegangen, dass Kinder als Betroffene nicht in der Lage sind, darüber zu befinden, ob sie die soziale Umgebung, die verfügbaren Räume, die nutzbare Infrastruktur etc. als positiv einschätzen? Könnte das nicht auch als ein Indiz mangelnder Kinderfreundlichkeit erachtet werden, wenn die Klientel, um die es geht, nämlich die Kinder, unter den Befragten überhaupt nicht vertreten ist? Vielleicht wäre es interessant, die Einschätzung der Kinderfreundlichkeit eines Milieus, einer Gesellschaft oder einer Gemeinschaft, wenn sie von Erwachsenen auf der einen Seite und von Kindern auf der anderen Seite vorgenommen wird, zu vergleichen. Vielleicht käme man dann auch zu dem Schluss, dass vieles, was von erwachsenen Befragten der Kategorie „kinderfreundlich“ zugeordnet wurde, eigentlich zur Kategorie „elternfreundlich“ zu zählen wäre. Das erste Fazit, das gezogen werden sollte, ist einfach. Überall dort, wo es um Kinder geht, sollten sie eine Rolle spielen, sollten sie als „ExpertInnen“ auch einbezogen werden. Die Frage nach dem Grad der Partizipation, also der Teilhabe an kinderrelevanten Fragestellungen, ist jeweils von Fall zu Fall neu zu stellen und ist von vielen Kriterien abhängig wie beispielsweise Alter bzw. Entwicklungsstufe, Vorerfahrungen, Bildung etc.

Interessanter Weise finden sich in den Bereichen Politik, Planung und Wissenschaft bereits zahlreiche Studien, die einen weit stärkeren Fokus auf Kinder fordern, als das bisher der Fall war. Die Zahl der Arbeiten, die sich exklusiv mit der Rolle von Kindern in Wissenschaft und Forschung auseinandersetzen, nimmt zu (z. B.: Christensen P. /James A.: Research with children oder Morrow V./Richards M.: The ethics of social research with children) und die Forderungen auf Grund von Ergebnissen wissenschaftlicher Analysen, die die gesellschaftliche Rahmenbedingungen für angemessene Lebenswelten von Kindern untersuchten, sprechen eine klare Sprache, wie der folgende Passus des Soziologen Hans Bertram bei der Vorstellung einer Studie der Robert Bosch Stiftung zeigt (Bertram, H. und Stein, T.: Starke Kinder – Starke Familien. Wohlbefinden von Kindern in Städten und Gemeinden):

„Wir müssen stärker darauf hören, wie Kinder ihre Umgebung sehen und wir müssen endlich anfangen, sie ernst zu nehmen und mit entscheiden zu lassen“

Das heißt, Kinder sind als Experten für ihr Leben ernst zu nehmen und haben das Recht mitzureden. Es genügt einfach nicht mehr nur ihre Gesundheit, ihre (Aus)Bildung und ihre Existenzsicherung im Auge zu haben. In einem Bericht der Griffith Universität (Australien) zur Frage der Kinderfreundlichkeit in Kommunen wurde im Jahr 2008 folgende zentrale Erkenntnis in den Mittelpunkt gestellt: Wenn Politik und Sozialeinrichtungen Kinder wirklich unterstützen wollen, dann bedarf es eines grundlegenden besseren Verständnisses darüber, was Kinder selbst als ihr Wohlbefinden betrachten. Im Zuge der Forschungsarbeiten wurde folgenden drei Problembereichen zentrale Bedeutung zugemessen:

  • Was heißt „Wohlbefinden“ für ein Kind oder einen jungen Menschen?
  • Wie wird Wohlbefinden von Kindern im Alltag erfahren
  • Durch welche Faktoren, werden bei Kindern und Jugendlichen Gefühle des Wohlbefindens ausgelöst

Die Interviews mit Kindern brachten eine ganze Reihe wichtiger Erkenntnisse an den Tag. Fast alle Kinder betonten den Wunsch im Rahmen altersadäquater Grenzen Entscheidungs- und Kontrollmöglichkeiten über Dinge zu haben, die ihr Leben betrifft. Sie wollen nicht, dass Regeln in Bezug auf bestimmte Sachverhalte festgeschrieben bleiben, sondern möchten diese von Zeit zu Zeit neu aushandeln. Die gefühlte Anerkennung ihrer Persönlichkeit ist ihnen ebenso wichtig wie ein sicherer Platz in der Gemeinschaft. Sie erkennen ihre Verwundbarkeit und streben deshalb auch nach Räumen, die ihnen Sicherheit verheißen. Zu oft wird in Bezug auf diese Problemkreise nicht mit Kindern sondern über Kinder entschieden und das ist mit Sicherheit keine kinderfreundliche Positionierung.

Kinderfreundlichkeit als gesellschaftliches Konzept erschöpft sich nicht im Bau von Spielplätzen sondern ist das reife Produkt einer fortgeschrittenen Bewusstseinsbildung. Erwachsene, die diese Stufe erreicht haben, wissen genau, dass sie nicht mit Kinderaugen die Umwelt erfassen können, mit dem Ziel auf diese Weise die Wünsche und Bedürfnisse der Jugendlichen in den Blick zu bekommen. Diese Art emphatischer Vorgangsweise ist eine Wunschvorstellung, die sich in der Realität nicht wirklich einlösen lässt. Sie wissen, dass kein Weg daran vorbei führt, auf Augenhöhe mit Kindern zu kommunizieren, wenn es darum geht, sie aktiv an Gestaltungsprozessen teilhaben zu lassen, die darauf abzielen, kindgerechte Strukturen zu schaffen. Diese notwendige Einbeziehung von Kindern gilt natürlich auch für Bewertungsuntersuchungen, die der „Kinderfreundlichkeit“ von Strukturen und Milieus gewidmet sind. Nur dann sind Ergebnisse zu erwarten, die das Prädikat „kinderfreundlich“ auch wirklich verdienen.

Einen guter Start zur Entwicklung von mehr „Kinderfreundlichkeit“ bietet der nachfolgende Leitfaden. Dieser Leitfaden ist nicht als Vorschreibung gedacht, sondern soll einfach ein breites Spektrum von wichtigen Aspekten aufzeigen, die einer verbesserten Kinderfreundlichkeit in unserer Gesellschaft dienen können – vor Nachahmung wird übrigens nicht gewarnt, sondern diese wird wärmstens empfohlen:

Leitfaden zu mehr Kinderfreundlichkeit:

Grundsätzliches

  • Kinder haben Rechte. Informieren Sie sich und seien Sie ein Anwalt dieser Rechte
  • Erlauben Sie Kindern eine eigenständige Meinung, auch wenn sie der ihren widerspricht
  • Ihre Beziehung zu Kindern sollte von gegenseitigem Respekt gekennzeichnet sein
  1. Kommunizieren Sie mit Kindern immer in Augenhöhe - auch im wortwörtlichen Sinn
  2. Versuchen Sie zu Kindern immer fair zu sein
  3. Versuchen Sie – auch wenn es schwer fällt - empathisch zu denken und die Entscheidungen von Kindern als rationale Handlungen zu begreifen
  • Reflektieren Sie, ob das, was sie als das Beste für das Kind erachten, auch wirklich das Beste für das Kind ist
  • Nehmen Sie sich Zeit für die Ansichten von Kindern und reden Sie darüber mit ihnen
  • Nehmen Sie sich Zeit und erklären Sie Kindern auch Ihre Sicht der Dinge

Fürsorge und Schutz

  • Tun Sie alles, damit sich Kinder sicher und geschützt fühlen können
  • Respektieren Sie die Privat- und Intimsphäre von Kindern
  • Sichern Sie vor allen anderen die existenziellen Bedürfnisse von Kindern
  • Passen Sie in allen Lebenslagen gut auf Kinder auf
  • Anerkennen Sie auch die emotionalen Bedürfnisse von Kindern
  • Legen Sie Wert auf positiv verlaufende Rituale in der Familie
  • Ermutigen Sie Kinder ihre Träume zu leben

Kommunikative Unterstützung

  • Setzen Sie bewusst und häufig ermutigende, tröstende, freundliche, bestätigende und dankende Worte in der Kommunikation mit Kindern ein
  • Entschuldigen sie sich bei Kindern, wenn sie ihnen gegenüber falsch gehandelt haben
  • Vermeiden sie alle Worte, die verletzend sein könnten
  • Bedrohen Sie niemals ein Kind – auch nicht mit Worten
  • Vermeiden Sie Worte der Entmutigung

Verdichtung der Eltern – Kind Beziehung

  • Nehmen Sie sich Zeit für ihr Kind und hören Sie wirklich zu, bei allem, was es sagt
  • Achten Sie auf ein positives Gesprächsmilieu in der Familie
  • Bleiben Sie immer unterstützend und freundlich
  • Nehmen Sie die Gefühle der Kinder ernst und sprechen Sie darüber
  • Wenn Sie schlecht drauf sind, lassen Sie es den Kindern nicht spüren
  • Setzen Sie auf ein harmonisches Miteinander auch wenn es gerade kriselt

Die Vorbildwirkung

  • Versuchen Sie in möglichst vielen Lebenslagen positiv zu wirken
  • Seien Sie Kindern gegenüber zumindest so ehrlich, wie Sie wollen, dass Kinder zu Ihnen ehrlich sind
  • Versuchen Sie einen konstruktiven Stressabbau, bei dem Kinder nicht negativ betroffen sind
  • Geben Sie nicht vor mehr zu sein, als Sie wirklich sind
  • Seien Sie nicht so empfindlich, dass es von ihrem Gesicht ablesbar ist
  • Trinken Sie nur mäßig und verzichten Sie auf das Rauchen
  • Legen Sie Wert auf gute Beziehungen innerhalb der Familie und der nahen Verwandtschaft
  • Sehen Sie ihre Verwandtschaft als unterstützendes Netzwerk und bringen Sie sich aktiv ein

Disziplin

  • Legen Sie Wert darauf, dass sie von Ihren Kindern respektiert und ihre Bitten befolgt werden
  • Wenn ihre Kinder einen Fehler gemacht haben, nehmen Sie sich Zeit, Ihnen diesen zu erklären
  • Helfen Sie ihren Kindern ihr Leben angemessen zu organisieren
  • Gestehen Sie ihren Kindern mit zunehmendem Alter entsprechend mehr Freiheiten zu
  • Keine Inflation bei Belohnungen und Strafen - immer fair bleiben
  • Gegenvorschläge sind immer erlaubt und werden ausgehandelt

Teilhaberechte

Lassen Sie Kinder an familiären Entscheidungen so früh wie möglich teilhaben

  • Ermutigen Sie Kinder Verantwortung und Pflichten innerhalb der Familie zu übernehmen
  • Fairness im Rahmen der familiären Rollenverteilung
  • Kinder haben das Recht auf Information die Familie betreffend
  • Kinder haben das Recht ihre Zukunftswünsche zu artikulieren und umzusetzen
  • Kinder haben das Recht in Familienangelegenheiten gehört zu werden

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