Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Die Lerntafel – ein positiver Impuls für Kinder

Peter Staudinger

... und immer wieder schickt ihr mir Briefe in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt: „Herr Kästner, wo bleibt das Positive?“ Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt (Erich Kästner). Seit Kästner diese Zeilen geschrieben hat, sind einige Jahrzehnte vergangen, doch beim Betrachten der Welt scheint diese Frage nach wie vor berechtigt. Und doch, es gibt das Positive auch. Eine große Anzahl von Menschen arbeitet ehrenamtlich in den verschiedensten Vereinigungen auf sozialem Gebiet.

Einer dieser Vereine ist die „Wiener Lerntafel“. Dort bekommen Kinder im Alter von 6-14 Jahren, aus finanziell und sozial benachteiligten Familien, hauptsächlich in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch, kostenlose Nachhilfe. Dieser Dienst wird an sechs Tagen in der Woche angeboten. Die überwiegende Zahl der Kinder bekommt Einzelstunden. Kinder die schon in der Lage sind den Schulstoff eigenständig zu bewältigen, können jederzeit in die Räumlichkeiten der Lerntafel kommen und an Aufgabentischen ihre Hausaufgaben machen. Auch für diese Kinder steht immer mindestens eine Person zur Verfügung, um bei auftauchenden Schwierigkeiten und Fragen helfen zu können. Wenn es um die Vorbereitung für Schularbeiten geht, werden auch diese Kinder in Einzelstunden betreut.

Darüber hinaus werden von Zeit zu Zeit Workshops angeboten, die sich der Mathematik und dem Lesen widmen. Die „Lehrer“ nehmen regelmäßig an Besprechungen teil, in deren Rahmen sie ihre Erfahrungen austauschen und ihre Wünsche und Fragen vorbringen können. Darüber hinaus steht bei Bedarf eine Psychologin für Testung, Beratung und Supervision zur Verfügung.

Ich arbeite nun bereits ein knappes Jahr mit und bin noch immer fasziniert von der Organisationsleistung des Vereinsteams. Die Lerntafel hat im Jänner 2011 mit fünf Kindern und zwei Lernhelfern begonnen. Inzwischen wurden etwa 500 Kinder von fast 200 ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Beachtenswert auch die logistische Leistung. Es werden etwa 2000 Unterrichtseinheiten pro Monat angeboten. Um dieses Potential entsprechend zu koordinieren, bedarf es als ersten Schritt der Festlegung in welchem Gegenstand ein Schüler Hilfe benötigt, welcher „Lehrer“ diesbezüglich verfügbar ist und welcher Schüler zu welchem Zeitpunkt betreut werden kann. Als nächsten Schritt werden Schüler und Helfer von den Terminen verständigt. Daneben stehen noch Aufnahmegespräche mit den Eltern von Neuzugängen an der Tagesordnung. Natürlich fallen immer wieder einmal Schüler oder Helfer aus, aber erstaunlicherweise funktioniert der gesamte Ablauf immer reibungslos.

Nun aber zum Wesentlichen, zu den Kindern. Die meisten unserer Kinder kommen aus Familien mit „Migrationshintergrund“, auch wenn sie meist schon in Österreich geboren wurden. Das liegt hauptsächlich an Sprachschwierigkeiten und daran, dass diese Familien offensichtlich überproportional von Armut betroffen sind. Derzeit werden von der Lerntafel Kinder betreut, deren Familien aus mehr als einem Dutzend verschiedener Länder stammen. Ich arbeitete schon mit Kindern aus der Türkei, dem Kosovo, Thailand, Ägypten, Rumänien und Afghanistan. Viele Menschen, die selbst Migrantenkindern gegenüber mit Vorurteilen behaftet sind, wären wohl bass erstaunt über das alltägliche Verhalten dieser Kinder: Sie haben kein Messer zwischen den Zähnen, tragen keine Sprengstoffgürtel und stehlen steht ebenfalls nicht auf ihrer Tagesordnung.

Es gibt auch keinerlei „disziplinäre Probleme“. Obwohl gleichzeitig meist über zwanzig Kinder anwesend sind, verhalten sich alle ganz ruhig und entspannt. Diese Kinder haben genau die gleichen Hoffnungen, Ängste und Wünsche wie „unsere“. Aber alle leiden unter ihren Lernschwächen und sind ehrlich bemüht, sich zu verbessern. Es gibt da noch einen wichtigen Aspekt des Lerntafel-Konzeptes, der weit über das reine Lernen hinausgeht: Die meisten Kinder kommen gerne, denn sie fühlen sie sich als Person in dieser Gemeinschaft der Lerntafel ernst genommen. Nicht zuletzt deshalb gilt ihr Interesse auch jenen Menschen, die sich in den Dienst der Sache stellen. Besonders Mädchen interessieren sich für die Person des Helfers. Sie wollen wissen, welchen Beruf man ausübt, welche Schule man besucht hat und vor allem, warum man das macht und ob man dafür bezahlt wird.

Es ist für die Kinder zweifellos beeindruckend, dass jemand, ohne sie eigentlich zu kennen und ohne dafür finanziell entschädigt zu werden, für sie da ist. Ich denke, dass das ein kleiner aber nicht zu unterschätzender Beitrag von gesellschaftspolitischer Bedeutung ist. Denn die Kinder und letztlich auch ihre Eltern erleben, dass sie nicht als lästige Fremde angesehen werden.

Für mich ist nach den Erfahrungen, die ich bis jetzt machen durfte, klar, dass unser starres Schulsystem für diese Kinder nicht taugt. Kinder mit einer solchen vita brauchen für bestimmte Gegenstände mehr Zeit. Es ist meiner Ansicht nach völlig unsinnig, wenn sie, weil sie das normierte Klassenziel nicht erreicht haben, eine Klasse wiederholen müssen, denn auch im Folgejahr werden die Lehrer trachten, den Stoff in der gleichen Schnelligkeit durchzubringen, wie das Jahr zuvor. Das hat aber zur Folge, dass Kinder, die den von mir angezeigten Milieus zuzurechnen sind, wieder auf der Strecke bleiben, weil sie Wesentliches nicht verstehen und ihnen für eine entsprechende Aneignung des Wissens nicht ausreichend Zeit eingeräumt wird.

In letzter Zeit ist in Österreich – auch medial unterstützt - eine Diskussion losgebrochen, wie das Problem der geringen Deutschkenntnisse von Kindern in den Griff zu bekommen wäre. Ich habe jede Sympathie für Menschen, die sich bei „gemischten“ Klassen, für besondere Förderungen aussprechen. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob die für einen diesbezüglichen Erfolg notwendigen bzw. erforderlichen Bedingungen in absehbarer Zeit geschaffen werden können. Das ist das eigentliche Problem, denn es geht ja wohl auch um Kinder, die jetzt zur Schule gehen.

Wie schaut die Realität aus? Kinder mit geringeren Deutschkenntnissen schneiden im schulischen Vergleich schlechter ab, erleben sich als Versager, haben trotz aller Anstrengungen keine Erfolgserlebnisse und werden irgendwann „abstellen“. Für die Eltern der anderen erfolgreicheren Kinder stellen sie ein Feindbild dar, denn sie drücken das Niveau. Von ihren Mitschülern werden sie nur selten Unterstützung erhalten, da es das individuelle Selbstbewusstsein zu stärken scheint, wenn jemand im Rahmen einer sozialen Gruppe eine schlechtere Bewertung und damit ein schlechtere Position in der Gruppe erhält, als man selbst zugewiesen bekommt. (Originalzitat eines meiner Mathematikschüler: „(Ich bin der Schlechteste, die andern lachen mich aus“).

Übrigens, was wird unter der Beurteilung „ausreichende Deutschkenntnisse“ eigentlich verstanden? Unsere Schüler, die wir im Rahmen der Lerntafel betreuen, beherrschen im Allgemeinen die deutsche Sprache im Rahmen alltäglicher Kommunikation recht gut. Aber bei genauerem Hinsehen, wird auffällig, dass der Wortschatz zu gering ist und daher die Spracharmut das eigentliche Problem darstellt. So würden viele Kinder ihre Mathematikaufgaben lösen können, aber sie wissen oft nicht genau, was eigentlich verlangt wird (z.B.: Die Aufgabe erfordert, den dritten Teil von einer Summe zu berechnen. Für viele Kinder stellt der Rechengang bei entsprechender Erklärung keine echte Schwierigkeit dar, allerdings nur dann, wenn sie wissen, was das bedeutet, den „dritten Teil zu berechnen“).

Ein weiteres Problem sind die Schularbeiten. Wiederholte Male erlebte ich ein und dieselbe Situation: das Kind versteht den geforderten Stoff, versagt aber bei der Schularbeit. Der Prüfungsstress hat es gelähmt. Entschuldigen Sie, aber da kommt Zorn in mir hoch: Verdammt noch einmal, es muss doch möglich sein, das Wissen eines Kindes festzustellen, ohne Angst zu erzeugen. Aber ich weiß schon, die Argumentation ist stets dieselbe, wenn es darum geht, ein beharrendes System fortzuschreiben: das war schon immer so, das haben wir nie anders gemacht, da könnte ja jeder kommen.

Geben wir uns keinen Illusionen hin, es wird sich so bald nichts ändern, und daher sind Institutionen wie die Lerntafel notwendig und wichtig. Sie kann ihre Aufgabe aber nur erfüllen, wenn sie breite Unterstützung bekommt. Daher abschließend mein Appell: Wenn Sie jemanden kennen, der mitmachen will, im Internet unter „Wiener Lerntafel“ findet man alle Kontaktmöglichkeiten und auch ein Spendenkonto. Voraussetzung für eine aktive Mitarbeit ist, dass man den Stoff der Sekundarstufe I eines Gegenstandes beherrscht, zuverlässig mindestens an einem Tag in der Woche Zeit für die Betreuung von Kindern aufbringen kann und vor allem, dass man Freude an der Arbeit mit Kindern hat. Es wäre übrigens besonders begrüßenswert, würde die Idee der „Wiener Lerntafel“ auch in anderen Orten aufgegriffen, weil es dadurch möglich wäre, Auswirkungen institutioneller Gewalt, die in Verbindung mit dem System „Schule“ steht, abzumindern.

Ing. Peter Staudinger ist langjähriges Mitglied des Vereins für Gewaltlose Erziehung und unermüdlich in seinem Einsatz gegen Gewalt, die Kindern angetan wird.

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