Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Meta-kognition - Wie Kinder lernen, sich selbst zu verstehen.

Erziehungskompetenz zwischen Computerprogrammen und Elternbildung – ein kritischer Kommentar

Sascha Hörstlhofer

Im Rahmen einer Veranstaltung des Wissenschaftsfonds im Albert Schweitzer Haus in Wien ging es um die Frage, wie Kinder lernen, sich selbst zu verstehen. Die Vortragenden waren Josef Perner, der an der Universität Salzburg den Fachbereich Psychologie vertritt und Manuel Sprung, der an der Universität Wien derzeit die Professur für Kinder- und Jugendpsychologie inne hat.

Perner widmete den Schwerpunkt seiner Ausführungen dem Thema, ab welchem Alter ein Kind in der Lage sei, zu beurteilen, ob etwas der Wirklichkeit entspricht, also dem Bereich gesicherten Wissens zugeordnet werden kann oder nicht. Bei Tests wurde bestätigt, dass Kinder mit etwa sechs Jahren den Übertritt vom Raten zum wirklich (Bescheid)Wissen vollziehen. Sie können dann benennen:„Ja, ich weiß“ oder „Nein, ich weiß nicht.“

Sprung betonte gleich zu Beginn seines Vortrags die Wichtigkeit der psychischen Gesundheit bei Kindern. Die derzeitige Situation ist allerdings in Österreich nicht gerade zufriedenstellend. Das dokumentierten die von Sprung präsentierten aktuellen (leider steigenden) Zahlen von psychisch kranken Kindern. Als besonders problematisch wurde vermerkt, dass Eltern mit einem Kind das psychotherapeutische Hilfe benötigt, in Österreich ca. ein Jahr lang auf einen Betreuungsplatz warten müssen. Empfehlenswert ist daher in allen fraglichen Fällen eine psychische Vorsorgeuntersuchung, um früh zu erkennen, ob tatsächlich Gefahr (Handlungsbedarf wegen Entwicklungsstörungen wie z.B. ADHS) besteht oder nicht. Wichtig für alle Kinder ist die Entwicklung der Fähigkeit zur Selbsteinsicht, Selbstkontrolle und ein ausgebildetes Emotionsverständnis. Diese Fähigkeiten sind wichtige Voraussetzungen für emotionale Gesundheit und eine hinreichende Verhaltenskompetenz.

Zur Förderung dieser Faktoren hat Sprung spezielle Computerprogramme entwickelt. Diese Programme sind als Computerspiele konzipiert und werden von Kindern mit oder ohne Elternbeteiligung (präventiv oder in einer Therapie) gespielt, um die Emotionale Intelligenz und die Exekutiven Funktionen bestmöglich zu entwickeln oder zumindest zu verbessern. Dadurch sollen positive Entwicklungen in vielen Lebensbereichen wie z.B. die Schullaufbahn, berufliche Karriere, Sozialkontakte, Vermeidung von Suchtproblemen und Kriminalität unterstützt werden.

Bis hierher konnte ich den Ausführungen gut folgen und sie waren für mich im Grunde durchaus als positiv zu bewerten. Bei einer abschließenden Fragerunde erlaubte ich mir die Feststellung, dass Computerspiele durchaus eine positive Funktion für Teilbereiche kindlicher Entwicklung übernehmen könnten, aber eben nur in Teilbereichen. Positive soziale Kontakte, die das Kind erfährt, stelle ich in den Vordergrund und sind meiner Ansicht nach für die Entwicklung von Kindern wesentlich bedeutsamer als all die Fertigkeiten, die sich ein Kind computerunterstützt aneignen kann.

Daher lautete meine nächste Frage:„Ab wann soll Prävention beginnen, um allfällige psychische Störungen hintanzuhalten?“ Erst wenn das Kind einen Computer bedienen kann? Oder nach Feststellung einer psychischen Krankheit? Nach der Geburt oder doch schon früher?

Antwort bekam ich keine. Das verwunderte mich, denn wenn nicht einmal Experten verbindliche Angaben vermitteln können, wie bzw. wonach sollten sich dann Eltern orientieren? Ich brachte daher als Beispiel die Führerscheinpflicht für das offiziell erlaubte Bewegen eines Autos in Österreich in die Diskussion und gab zu bedenken, dass ohne Führerscheinpflicht die Unfälle wohl um ein vielfaches höher wären.

Übertragen auf die Situation von Kindern dokumentieren die aktuellen Zahlen psychisch und körperlich verletzter Kindern in Österreich jede Menge „Unfälle“. Das heißt, bei der Erziehung unserer Kinder läuft einiges schief. Es sei an dieser Stelle daher die Frage erlaubt, ob nicht zur Vermeidung solcher „Unfälle“ ein Elternführerschein ein präventives Instrumentarium wäre, das zum Einsatz kommen sollte?

Mit dieser Aussage konnte ich mehrere Teilnehmer berühren und es entstanden nach Beendigung der Fragerunde interessante Gespräche und nachhaltige Kontakte. Die einzige Negativmeldung kam von einem älteren Herrn, der folgende Position einnahm: „Was wäre wohl die Folge, wenn bei einer verpflichtenden Einführung des Elternführerscheins die entsprechende Prüfung nicht bestanden würde? Wäre dann als Strafe vielleicht ein Verbot des Kinderkriegens angedacht? Der Staat soll sich nicht überall einmischen. Bei dieser Frage sind meist ohnedies nur Volltrotteln am Werk, die keine Ahnung haben.“

Leider stellte sich dieser Herr keiner Diskussion. Er wendete sich einfach ab und erlaubte mir nicht, seine Vorbehalte zu entkräften. Schließlich war von meiner Seite nie die Rede von einer Prüfung ganz zu schweigen von einer Bestrafung in Bezug auf den Elternführerschein. Es sollte vielmehr um eine wirkungsvolle Unterstützung bei der Vermittlung von Erziehungskompetenz gehen, um Gewaltanwendung gegenüber unseren Kindern die Grundlage zu nehmen.

Der Erwerb entsprechender Kompetenz bei der Begleitung von Kindern in frühen Entwicklungsphasen ist meiner Meinung nach ein entscheidender Faktor gelingender Erziehung und wird hoffentlich auch in naher Zukunft im Vergleich zu Computerprogrammen einen höheren Stellenwert behalten. Mittels einer solchen Kompetenz lassen sich auch die positiven und negativen Effekte sozialisierender Rahmenbedingungen beim Heranwachsen von Kindern gut abschätzen. Deshalb ist für mich niemals die Schuld beim Kind zu suchen, wenn es psychische Hilfe benötigt, um in unserer Welt ohne Schaden für sich und seine Umwelt, friedlich leben zu können. Vielmehr geht es darum herauszufinden, wo eine Lebensweiche falsch gestellt wurde, um unterstützend aktiv werden zu können.

Sascha Hörstlhofer, BA. ist Vizepräsident des Vereins für Gewaltlose Erziehung, Lehrer und engagierter Vater von drei Töchtern.

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