Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Vom Recht auf eine glückliche Kindheit

Zur 100. Wiederkehr des Geburtstags von Hans Czermak: Vorkämpfer und Wegbereiter des Kinderschutzes in Österreich.

Georg Streit

Die österreichische Liga für Kinder-und Jugendgesundheit hatte ihre erste Jahrestagung im vergangenen April aus Anlass des 100. Jahrestags der Geburt von Hans Czermak im Juli 2013 unter das Motto „Kinder schützen – jetzt!“ gestellt. Dieser Aufruf ist auch heute, mehr als 24 Jahre nach Hans Czermaks Tod aktuell.

Die Lebensdaten von Hans Czermak sind rasch berichtet, sein Vermächtnis und Wirken immens: Hans Czermak wurde am 18.7.1913 in Krems als Sohn eines Mittelschullehrers (und späteren Unterrichtsministers der 1. Republik) geboren. Er maturierte in Krems, studierte in Innsbruck und Wien Medizin. Einer seiner Lehrer war der Universitätsprofessor und Kinderarzt August Reuss, dem es gelang, die Pädiatrie als eigenes medizinisches Fachgebiet ztu etablieren. Den Zweiten Weltkrieg musste er als Truppenarzt vor allem in Russland miterleben. Nach dem Kriegsende studierte Hans Czermak Sozialpädiatrie in Stockholm, London und Paris. Im Jahre 1949 übernahm er die Leitung der Neugeborenenstationen an der Wiener Universitätsfrauenklinik. Von 1962 bis 1978 war er Primarius am Preyer’schen Kinderspital in Wien und Leiter der dort ansässigen Kinderkrankenpflegeschule. Als Universitätsprofessor an der Universität Wien lehrte er Kinderheilkunde. 40 Jahre war er als Kinderarzt in seiner Ordination in der Lange Gasse in Wien tätig.

Hans Czermak stellte das Kind in das Zentrum seiner beruflichen Tätigkeit, mehr noch, das Kind war auch Zentrum seiner gesellschaftspolitischen Aktivitäten. Er widmete seine ärztliche und wissenschaftliche Tätigkeit zunächst der Bekämpfung der hohen Säuglingssterblichkeit in der Nachkriegszeit. Er war Initiator und einer der Väter des Mutter-Kind-Passes, der dazu beitrug, dass die Säuglingssterblichkeit auch in Österreich erheblich gesenkt und die Kindergesundheit ganz allgemein verbessert werden konnte. Seine ärztliche Tätigkeit und seine wissenschaftlichen Studien trugen dazu bei, Österreich in diesem Bereich von einem der hinteren Plätze in Europa ganz nach vorne zu führen.

Er erkannte und propagierte die Notwendigkeit der frühkindlichen Bindung an die Mutter und war ein oft belächelter, kritisierter und mitunter sogar beschimpfter Vorkämpfer einer Renaissance des Stillens von Säuglingen. Er wandte sich gegen die Säuglingsnahrungsindustrie, der – aus verständlichen Gründen - die Ernährung eines Kindes an der Brust der Mutter missfiel und folglich gegen den Stilllakt mit den Bezeichnungen altmodisch und rückschrittlich polemisierte.

Nach seiner Pensionierung als Primarius im Preyer’schen Kinderspital setzte sich Hans Czermak mit ganzer Kraft für die Realisierung seines größten Zieles ein, der Ächtung der damals noch als gesund bezeichneten „Watsch’n“. Die Bezeichnung als Vorkämpfer und Wegbereiter des Kinderschutzes in Österreich trägt er sicher zu Recht, er gilt heute als einer der international wesentlichen Verfechter der gewaltlosen Kindererziehung.

Hans Czermak war überzeugt davon, dass eine friedlichere Welt (nur dann) entstehen kann, wenn diese ihre Kinder besser behandelt. Sein – oft belächeltes – Credo war es, dass der Friede aus dem Kinderzimmer kommt und Gewalt Kindern immer schadet: „Wenn jetzt neben mir einer säße und sagte, mir hat's nicht geschadet, so lügt er - ohne es zu wissen. Er sieht nur die Schäden nicht, die er davongetragen hat. Schläge erzeugen Affekte und die schlimmsten Affekte sind Angst, Ohnmacht, Wut, Hass und Misstrauen, das geht bis zur Fehleinschätzung des Selbstbewusstseins, aber das vergisst man im Lauf seines Lebens. Die Erwachsenen haben keine Ahnung mehr, was sie mitgemacht haben.“ So sehr diese Aussage polarisiert, so wenig lässt sich ihr entgegenhalten. Die Unrichtigkeit dieser These zu beweisen, ist bisher noch niemandem gelungen.

Hans Czermak prangerte Gewalt gegen Kinder in jeglicher Form an und wandte sich vehement gegen die unrichtige Meinung, dass Ohrfeigen gesund sein könnten. Einen überzeugenden Beweis dafür legte er 1980 mit dem gemeinsam mit Günter Pernhaupt verfassten Buch „Die gesunde Ohrfeige macht krank“ vor. Die beiden Autoren wiesen nach, dass Gewalttätigkeit in der Erziehung von Kindern nicht Probleme löst, sondern neue Probleme erzeugt, die nachhaltig wirken. „Ich predige seit Jahren, dass die offene und strukturelle Gewalt zwischen Generationen Hauptursache für Fehlentwicklungen unserer Zeit ist. Es muss ein von Fairness und Verantwortung getragenes Verhältnis entstehen“ forderte Hans Czermak und ermunterte buchstäblich jeden, den er traf, Schläge, die einst als Kind von Eltern oder Erziehern oder sonstigen Bezugspersonen empfangen wurden (und das traf wohl – im wahrsten Sinn des Wortes – in seiner Generation nahezu jeden) nicht weiter zu geben.

Hans Czermak ließ keinen Zweifel daran, dass Ohrfeigen Kindern schaden. Er konnte sich besonders über die Bemerkung aufregen, dass man seine Kinder zu züchtigen habe, wenn man sie liebte. Hans Czermak war Eltern nicht böse, wenn sie mit Erziehungsfragen nicht zu Rande kamen. Er war bestrebt, aufzuklären und zu helfen. Es war ihm aber wichtig, dass Erwachsene die Fehler, die deren Eltern an ihnen begingen, nicht weitergaben. Wenn ein Kind geschlagen wird, sagte er, „wird die Seele mitgeschlagen und solche Wunden bleiben ein ganzes Leben“.

Hans Czermak war auch überzeugt davon, dass gewaltlose Erziehung möglich ist und ließ sich davon durch hämische Kommentare nicht abbringen. Immer wieder suchte er Möglichkeiten, von Auftritten in Fernsehdiskussionen bis hin zum Gespräch mit Müttern in Supermärkten oder in der Straßenbahn, seine Position zu verdeutlichen und forderte ohne wenn und aber auf Gewalt gegen Kinder zu verzichten. Dahinter stand die große Vision, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. „Soll die Gesellschaft von morgen nicht ins Chaos stürzen, muss die Rolle des Kindes in dieser Gesellschaft dominierender werden. Wir dürfen nicht weiter zögern, unsere Erziehungsmethoden zu überprüfen oder ein weitgehendes Umdenken anzustreben“. Hans Czermak war der festen Überzeugung, dass Kinder, die vom ersten Tag an richtig behandelt werden, niemals Gefahr laufen, verhaltensgestört zu werden. Er propagierte schon frühzeitig, als eines der Ergebnisse seiner Studie zur „gesunden“ Ohrfeige, die Notwendigkeit von Elternschulen. Bis heute warten wir auf die breite Umsetzung dieser Idee.

Konsequenterweise behandelte er in seiner Ordination Kinder ganz ohne weißen Kittel. Sein Motto war es nämlich auch bei der Ausübung seines ureigenen Berufes, des Kinderarztes, jede Form von Gewalt zu vermeiden. Sein Ziel war es, Angst zu nehmen und Kindern die Chance zu geben, Achtung, Anerkennung und Zuwendung in allen Bereichen zu genießen. Unermüdlich predigte Czermak das Recht jedes Kindes auf eine glückliche Kindheit.

Als Hans Czermak vor fast 25 Jahren schwer erkrankte und langsam realisieren musste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, zu erleben, dass seine Visionen einer gewaltfreien Kindererziehung Wirklichkeit würden, sagte er, er könne noch nicht abtreten, weil er noch so viel zum Schutz der Kinder zu tun hätte. Umso erleichterter war er, als am 11. April 1989 unter dem unscheinbaren Titel „Kindschaftsrechtänderungsgesetz“ mit dem § 146a ABGB das Gebot der gewaltfreien Erziehung Aufnahme in die österreichische Rechtsordnung fand. Zuvor hatten nur drei skandinavische Staaten diesen Schritt gesetzt.

Die gewaltfreie Erziehung ist (seit Februar 2013 als § 137 Absatz 2 ABGB) mittlerweile fester Bestandteil der österreichischen Rechtsordnung. Die anfangs wegen fehlender Sanktion belächelte Norm dient mittlerweile als Maßstab für Entscheidungen in Obsorge- und anderen Erziehungsfragen. Allerdings gibt es noch viel im Sinne von Hans Czermaks Vorstellungen zur Gewaltfreiheit zu tun. So ist es noch nicht allzu lange her, dass sich ein steirischer Hollywood-Star öffentlich für die von seiner Mutter empfangenen Schläge bedankte und erst vor knapp einem Jahr behauptete ein (mittlerweile ehemaliger) österreichischer Landeshauptmann, eine „Tetsch´n“ hätte ihm nicht geschadet. Es bedarf also nach wie vor einer Armee von Mitkämpfern, die sich Christine Nöstlinger in ihrem Nachruf auf den am 13. Dezember 1989 verstorbenen Hans Czermak wünschte, um jenes Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu erreichen, das Gewalt gegen  Kinder als absolut unakzeptabel bewertet und entsprechend handelt.

Mag. Georg Streit schrieb diesen Beitrag als Enkel von Hans Czermak. Er ist Rechtsanwalt in Wien und langjähriges Vorstandsmitglied des Vereines für Gewaltlose Erziehung.

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