Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Beeinträchtigung der Sprachentwicklung und des Kommunikationsverhaltens - ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung

Karin Madl

Die veränderte Lebenswirklichkeit unserer Kinder spiegelt sich nicht nur in der Sprachentwicklung. Die Folge einer mediatisierten, technisierten und weniger sinnesorientierten Umwelt bedeutet vor allem eine massive Einschränkung individueller Erfahrungsspielräume sowie eine Reduktion unserer Wahrnehmungsfähigkeit. Beides führt zur Verarmung der Vielfalt sensorischer Reize bei gleichzeitiger Reizüberflutung in selektiven Bereichen.

Kinder benutzen ihr Sinnessystem im Gegensatz zu Erwachsenen wesentlich ausgeprägter. Für sie stellt die sinnliche Wahrnehmung sowie die sich parallele handlungsbegleitende Entwicklung von Sprache sinnbildlich das „Tor zur Welt“ dar.
Noch bevor sich ein Kind aktiv sprachlich mitteilen kann, gewinnt es bereits ein Wissen über diverse Umweltbeziehungen. Es besitzt dieses Wissen und erschließt Zusammenhänge auf Grund seiner persönlichen Erlebnisse durch Wahrnehmung und Bewegung. Die mannigfaltigen Sinneseindrücke werden aufgenommen, gespeichert, verarbeitet und entwickeln sich so zu Erkenntnissen und Erfahrungen, auf die das Kind jederzeit zurückgreifen kann.

Dazu benötigen Kinder ein Umfeld, in dem sie ihren Bedürfnissen nach Aktivität, selbständigem Handeln und sinnlicher Wahrnehmung nachgehen können. Durch den konkreten Umgang mit Gegenständlichem bzw. unmittelbarem Begreifen bauen Kinder aus dem Tun innere Bilder auf. Ein sich entwickelnder passiver Wortschatz folgt zunehmend einem aktiven Wortschatz.

Die Kinder von heute leben in einer sehr reizintensiven und sensationsreichen Umwelt. Vielen Kindern fehlt aber neben einer ausgeglichenen Stimulierung  und Entwicklung aller Sinnesbereiche häufig auch die Zeit, die Vielzahl an Reizen ausreichend zu verarbeiten. Passives Konsumieren verdrängt aktive Erfahrung. Vorwiegend dominieren visuelle und auditive Reize über den steigenden Medienkonsum. Viele Kinder kommen mit der Reizüberflutung nicht zurecht, unverarbeitete Eindrücke aufgrund flüchtiger Impulse führen zu zunehmendem Stress. Folgen daraus sind Nervosität, Unsicherheit, Bewegungsunruhe, Konzentrationsmangel und soziale Auffälligkeit.

Kommt es in verschieden Bereichen zu einer Überstimulierung und in anderen  wiederum zu einer Unterversorgung kann es zu Störungen in der Verarbeitung der aufgenommen Informationen führen. Das Gehirn ist nicht in der Lage, eintreffende sensorische Impulse zu selektieren (wichtige Impulse herausfiltern), zu ordnen und richtig zu verarbeiten. Ein Kind muss Schritt für Schritt lernen, aus einer Fülle von einwirkenden Informationen diejenigen heraus zu filtern, die für die jeweilige Situation wesentlich sind. Das heißt, als ersten Schritt müssen die Umwelteindrücke erkannt (Erfahrungshintergrund), anschließend interpretiert, einander zugeordnet und gespeichert werden.

Da Sprache und Sprechvermögen auf zahlreichen Integrationsprozessen sinnlicher Wahrnehmung beruhen, zeigen sich Entwicklungsverzögerungen unmittelbar im Sprachentwicklungsbild eines Kindes.
Eine gesunde Sprachentwicklung und die Fähigkeit akustischer Wahrnehmung ist natürlich einerseits an die Intaktheit des peripheren Hörorgans gebunden, andererseits wie bereits erwähnt, müssen gehörte Impulse aus der Umwelt richtig verarbeitet werden, um in Folge entsprechen reagieren zu können.
Eine Folgefähigkeit von konstanter auditiver Wahrnehmung ist die Entwicklung von  Sprachbewusstsein, welches wiederum grundlegend für den Sprach- und Schriftspracherwerb ist. Viele Kinder starten ihr erstes Schuljahr ohne ausreichende Vorläuferfähigkeiten für den Lese- und Schriftspracherwerb erworben zu haben. Eine grundlegende Voraussetzung für das Lesenlernen der alphabetischen Schrift ist, dass das Kind beginnt Sprache und Schrift als Gegenstand zu betrachten, dass es in der Lage ist sich vom Inhalt der Sprache zu lösen und Sprachstrukturen (Wörter, Silben, Laute) erkennt (metasprachliches Denken). Ein Bespiel soll die diesbezügliche Entwicklungsebene eines Kindes verdeutlichen:
Bsp.: Fragt man ein Kind, welches Wort denn länger ist: „Kuh oder Ameise?“ und das Kind antwortet: „Kuh, weil sie größer ist!“ erkennt man gleich, dass sich dieses Kind nur auf inhaltliche Informationen der Sprache konzentriert.

Kann ein Kind die Aufmerksamkeit auf formelle Eigenschaften von gesprochener Sprache richten, handelt es sich bereits um die Fähigkeit phonologischer Bewusstheit. Phonologische Bewusstheit bezieht sich auf die lautlichen Strukturen von Sprache, und auf die Fähigkeit über lautliche Zusammensetzung von Silben und Wörtern zu reflektieren und sich dem formalen Aufbau zuzuwenden.
Phonologischen Teilleistungsstörungen stehen im direkten Zusammenhang mit Teilleistungsstörungen im auditiven Bereich.

Ein hoher Prozentsatz der zur Einschulung kommenden Vorschulkinder haben die so wichtigen schulischen Vorläuferfähigkeiten noch nicht oder nicht ausreichend erworben bzw. große Schwierigkeiten mit den Anforderung gestellter Aufgaben. Vielen Kindern ist nicht bewusst, was ein Reimwort ist und auch Ergänzungen eines Reimwortes gelingen häufig nicht. Das Nachsprechen eines Satzes oder kurzen Reimes fällt oft schwer und auch der Sprechrhythmus beim Ausdifferenzieren von Silben (Silben klatschen) gelingt häufig nicht.  Sprachliche Defizite beziehen sich jedoch nicht nur auf die phonologische Bewusstheit und auditive Merkfähigkeit (Merken von Reimen, Zaubersprüchen oder Sätzen) sondern auch auf unzureichende mündliche Sprachkompetenzen, ein eingeschränktes Sprachverständnis, einen reduzierten Wortschatz und Unsicherheiten in der korrekten Satzbildung. Eine gezielte Förderung noch vor Schulbeginn würde Startschwierigkeiten präventiv vorbeugen.

Die Veränderungen der Lebensumstände  und ein mangelhaftes Sprachvorbild im familiären Umfeld sind sicherlich Hauptverursacher für die Zunahme an sprachlichen bzw. logopädischen Förderbedarf.
Im Rahmen meiner Arbeit als Sonderpädagogin und Sprachheilpädagogin zeigte sich eine Erfahrung sehr deutlich: Je intensiver ich zu Beginn der Sprachheiltherapie an der Förderung der auditiven Aufmerksamkeit und phonologischen Bewusstheit  arbeitete, desto eher stellen sich auch für das Kind gute Erfolge und Ressourcen ein. Durch gezielte kindgerechte und spielerische sprachheiltherapeutische Angebote gewinnt es schnell Einblicke in formelle Bausteine von Sprache. So entwickeln Kinder umgehend ein stabiles Fundament, auf dem weitere Erkenntnisse sprachlicher Strukturen aufgebaut werden können.

Um eine Aufgabe optimal zu lösen, sind eine bewusste Aufmerksamkeitszuwendung und eine ausreichende Konzentrationsspanne notwendig. Diese vorrausetzenden  Fähigkeiten werden vom Kind benötigt, damit es sich über eine gewisse Zeit auf bestimmte Merkmale einer Aufgabe  konzentrieren und andere irrelevante Merkmale ausschließen kann.
Eine immer häufiger vorkommende Aufmerksamkeitsproblematik beeinträchtigt auch andere Teilleistungen.                                                                                                                            
Das Erlernen von Sprache bzw. Sprachentwicklung ist ein lebendiger Prozess. Dabei spielt die positive Beziehung zum Kind innerhalb einer angenehmen geordneten Atmosphäre eine wesentliche Rolle. Unter Stress ist das Gehirn nur reduziert aufnahmefähig, nachhaltige Erfolge werden durch emotionale Sicherheit und einen kindgerechten sowie Achtsamen Umgang miteinander erreicht.

Weitere Informationen:
Zu Förderung von Sprachentwicklung / Pressekontakt: Dipl.- Päd. Karin Madl, karin.madl@chello.at
Zu Materialien zur Förderung von Sprachentwicklung „Drago aus dem Zauberwald“.

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