Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Der Yuup…

Hanneke van der Louw

In unserer Kindergartengruppe gibt es einen 4-jährigen Jungen aus China. Er ist mit 2 ½ Jahren von  holländischen Eltern adoptiert worden. Er wohnte seit seiner Geburt in einem chinesischen Heim. Eigentlich ist sein Name Yuupyeng und seine Eltern haben den Namen eingekürzt. Seitdem er in Holland wohnt, heisst er Yuup. Der Yuup hat, so wie er selbst sagt, ein “ eigenes Bein” und ein Kunstbein.

Im Kreis besprachen wir vor einigen Tagen die Tatsache, dass dem Tiemo der Philip, sein vor einem Jahr gestorbener bester Freund, noch immer so sehr fehlt. Er vermisst das zusammen spielen und einfach das Zusammensein, das Wissen, dass es einen Freund gibt, der gern mit einem zusammen ist, fast bedingungslos. Der Tiemo trauert noch immer über diesen grossen Verlust und wir besprechen, ob und wie wir den Tiemo unterstützen können.

Plötzlich meldet sich der Yuup. Der Yuup, der bis heute verneinte, dass er in China geboren sei, nein, er sei aus dem Bauch seiner Adoptivmutter geboren und wolle überhaupt nichts mit China zu tun haben. Gar nichts. Und jetzt, plötzlich, springt er auf und schreit mit heiser Stimme: “Das war bei mir auch! Es gab grosse Jungen und jetzt sind sie alle tot!!”

Wir stutzen: tot? Grosse Jungen? Ich interpretiere seine Worte als Ablenkmanöver; womöglich dauert ihm das Gespräch mit dem Tiemo zu lange, und er möchte die Aufmerksamkeit an sich ziehen. Ich tadele ihn ein wenig, sage ihm, dass er nicht schreien soll, wenn es über so etwas wie “tot sein” geht., dass es sehr schlimm ist, einen Freund zu verlieren. Anfänglich schweigt der Yuup daraufhin. Aber lange hält er es nicht aus: Er meldet sich aufs Neue und wiederholt aufgeregt seine Worte.

Und dann sehe ich, dass es ihm sehr ernst ist. Wir nehmen es eigentlich alle im Kreis wahr: so kennen wir unseren Yuup noch nicht. Ich setze mich zu ihm. Irgendwie wird mir die Bedeutung seiner Worte klar. Ich frage: “Meinst Du Deine Freunde aus dem Heim in China?”
Der Yuup nickt und fängt herzzerreissend zu weinen an. Vorsichtig versuche ich für ihn in Worten zu fassen, wie das gewesen sein muss, damals, als er zwei Jahre alt war.

Dass er mit seinen Freunden im Heim wohnte, dass sie mitsammen spielten und aßen und schliefen. Ja, ja, nickt der Yuup zwischen seinen Tränen hindurch, so war es. Und dass eines Tages eine Mutter und ein Vater , die er nicht kannte, erschienen und für ihn sorgen wollten.  Und so verließ er das Heim. “In einem grossen Flugzeug”” seufzt der Yuup. Zurück ließ er seine Freunde, die er niemals wiedersah. Jemanden zurück lassen, heisst für den Yuup auch tot sein. Jetzt verstehen wir, was der Yuup meint.

Zur Yuups linken Seite sitzt die Daniek, auch vier Jahre alt. Sie hat, wie ich, ihren Arm auf Yuups Rücken gelegt und sitzt ganz ruhig neben ihm. Versucht sich vorzustellen, was dieses Ereignis für den Yuup bedeutet. Und dann sagt sie mitfühlend: “Ja, und du musstest auch noch deinen Vati und deine Mutti zurücklassen…”  Es ist herzzerbrechend, wie der Yuup jetzt weint. Bisher hatte er an sie, seine Eltern, nicht einmal gedacht.

Ich blicke im Kreis umher und sehe tiefbetroffene Gesichter. Wir leiden alle ein bisschen mit dem Yuup mit. Alle Kinder sind beteiligt, sie wissen: das ist tiefer Kummer. Und alle haben den Yuup gern, er ist immer so lustig und  hilfsbereit.

Als  sich der Yuup wieder ein bisschen erholt hat, eilt der Lukas in die Küche und holt dem Yuup ein Glas Wasser. Froh, dass er etwas tun kann für den Yuup. Aber als er mit dem Wasser vor  Yuup steht, hat sich der Yuup  schon wieder im Griff: Nein, danke, er brauche kein Wasser. Er sitzt schon wieder aufrecht - als er so weinte, lehnte er sich an mich an - und wischt sich die Tränen vom Gesicht. Er staunt über seine Tränen, die weder seine Eltern noch wir vorher gesehen hatten.

Einen Tag später habe ich einen grossen Papierbogen mitgebracht, auf dem steht: Ich möchte gerne Freund sein mit dem Yuup, weil:…. Wer will, kann den Satz beenden, und ich schreibe das dann auf. Der Yuup darf in der Zwischenzeit auf meinem grossen Stuhl sitzen und geniesst...

Und als er zu Hause seinen Eltern den “Freundesbogen” zeigt, sagt er zu seiner Mutter: “Das ist, weil mir meine Freunde aus China so abgehen. Aber jetzt ist jeder in der Klasse mein Freund……”

Hanneke van der Louw ist Lehrerin der Gruppe 1 und 2 in der Prinses Beatrix School in Heemstede/Holland

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