Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.

Editorial Kinderschutz Aktiv Nr. 98

Hans Czermak, unser Vereinsgründer, wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Grund genug,um ihm in dieser Nummer ein paar Zeilen zu widmen und der Frage nachzugehen, ob er mit der Situation der Kinder, wie sie sich heute darstellt, wohl zufrieden gewesen wäre. Ich denke, er hätte genügend Ansatzpunkte gefunden um noch immer unzufrieden zu sein.

Er, als Universitätsprofessor, aber noch mehr als Kinderarzt und Pädiater hatte immer einen Blick dafür, was Not tat, um Kindern Leid zu ersparen und ihnen Chancen zu eröffnen. Auf Grund seiner Arbeiten zur Säuglingssterblichkeit veranlasste er die Politik zu reagieren. Die Einführung des Mutter-Kind Passes in Österreich ist dafür ein gewichtiges Zeugnis. Er wurde auch zum Kronzeugen, als es darum ging, die stillenden Mütter gegen jene Querschläger der Moderne zu verteidigen, die industriell gefertigte Produkte für die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern als kindgerecht darzustellen versuchten. Dass diese der Muttermilch als absolut gleichwertig, wenn nicht sogar als überlegen vermittelt wurden, war für ihn unakzeptabel. Die Stärkung der stillenden Mutter sah er als Lebensaufgabe, der er sich niemals entzog, ja, ich würde sagen, sie wurde sogar zum Symbol seiner Arbeit.

Sein Engagement in Sachen Gewaltlosigkeit in der Erziehung ist ebenfalls legendär und fand seine Krönung in der „Lex Czermak“, jenem Gesetz, das 1989 jegliche physische und psychische Gewalt gegenüber Kindern als unzulässig erklärte. Ja, es ist wirklich einiges erreicht worden, nicht zuletzt dank Hans Czermak.

Die Säuglingssterblichkeit ist – selbst im Vergleich zu anderen Industrienationen – auf einem bemerkenswert niedrigen Niveau, die Muttermilch - als qualitativ hochwertigste Form der Ernährung von Säuglingen - ist außer jeder Diskussion, die stillende Mutter ist sozial voll akzeptiert, ebenso wie der Stillakt als wesentliches Element frühkindlicher Bindung an eine primäre Bezugsperson und das gesetzliche Gewaltverbot ist Realität. Wären diese Erfolge für Czermak Grund gewesen sich zurückzulehnen? Sicher nicht. Er hätte das fortgesetzt, was er in seinen letzten Jahren einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln versuchte. Nämlich, dass die Gewalt gegenüber Kindern nicht bei der „gesunden Ohrfeige“ ihr Ende findet, sondern dass einer postindustriellen, hoch technisierten Gesellschaft Gewaltpotentiale immanent sind, die in ihren destruktiven Folgen insbesondere für junge Menschen nicht immer gleich erkannt werden. Ihm wäre es darum gegangen, die Gesellschaft insbesondere aber auch die politischen Vertreter aufzuklären und wachzurütteln. Fehlende Möglichkeiten der Raumaneignung, Erschließung virtueller statt realer Welten, die zerstörerischen Konsequenzen der neuen Armut, das Phänomen der Sprachlosigkeit im alltäglichen kommunikativen Handeln, die Kategorisierung von Kindern nach unterschiedlichen Wertigkeiten (z.B. sind Asyl suchende Kinder den österreichischen rechtlich nicht gleichgestellt) und vieles andere mehr hätten Hans Czermak dazu veranlasst, seine ganze Persönlichkeit in die Waagschale zu werfen, um negative Entwicklungen aufzuzeigen und um Verbesserungen durchzusetzen.

Wir versuchen seinen Weg weiter zu gehen und fühlen uns von seinem Wirken enorm inspiriert. Wir vertreten, so wie er, die Überzeugung, dass sich die Qualität einer sozialen Entwicklung eines Landes auch daran messen lässt, wie mit Kindern umgegangen wird – diesbezüglich gibt es bei uns noch viel zu tun. Bitte unterstützen sie uns dabei, nicht zuletzt um auch den Zielsetzungen von Hans Czermak näher zu kommen.

Christian Vielhaber

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